Wednesday, July 6, 2022

Zurück in Herat: Der tägliche Kampf einer Menschenrechtsverteidigerin

Life under the Taliban. Unter diesem Titel startete VIDC Global Dialogue eine neue Artikelserie zur Situation in Afghanistan nach der Machtergreifung durch die Taliban im August 2021. Frauen und Männer aus vielen verschiedenen Teilen des Landes und mit unterschiedlichen Perspektiven und Realitäten erzählen uns ihre Geschichten. Parween1 arbeitete in den letzten 13 Jahren als Menschenrechts- und Frauenaktivistin in Herat im Westen Afghanistans. In diesem Artikel erzählt sie von ihren Erfahrungen seit der Machtübernahme durch die Taliban: von ihrem Fluchtversuch in Kabul, ihrer Rückkehr nach Herat und der Hoffnung, eines Tages aus Afghanistan evakuiert zu werden. 

Meine Geschichte

Ich heiße Parween und habe in den letzten 13 Jahren für nationale und internationale Organisationen gearbeitet und mich zivilgesellschaftlich und sozial für mein Land engagiert. Nach meinem Highschool-Abschluss habe ich an einer privaten Hochschule Wirtschaft und Management studiert. Nach dem Abschluss meines Studiums habe ich dann ein einjähriges Leadership-Studium angehängt. Ab der Oberstufe habe ich begonnen, mich als Schülerin für die Gesellschaft zu engagieren und meine Community zu unterstützen. Mit der Zeit begann ich, mich auf die Unterstützung der schwächsten Frauen in der Gesellschaft zu konzentrieren. Das war ein sinnvolles und erfülltes Leben.

Bis Ende Juli 2021 konnte ich ein weitgehend normales Leben führen. Selbst in den Monaten vor der Machtübernahme durch die Taliban in Afghanistan ging ich unter schwierigen Bedingungen zur Arbeit. Ich hatte nur eine vage Vorstellung von der politischen Lage des Landes. Überall, wo ich hinkam, gab es Spekulationen über eine Rückkehr der Taliban an die Macht. Schließlich wurde ich Zeugin, wie zwei wichtige Bezirke der Provinz Herat (Injil und Gozara) unter die Kontrolle der Taliban fielen. Dies konnte nur bedeuten, dass sie sich der Hauptstadt der Region näherten.

In Afghanistan verblieben

Meine Organisation beschloss, mich, meine Familie und viele meiner Kolleg*innen nach Kabul zu evakuieren, in der Hoffnung, dass Kabul nicht in die Hände der Taliban fallen würde. Doch einige Tage nach Herat fiel auch Kabul unter die Kontrolle der Taliban. Danach habe ich versucht, das Land mit einem Evakuierungsflug zu verlassen, was mir jedoch nicht gelungen ist, und ich musste länger in Kabul verweilen. Ich konnte aber auch nicht nach Herat zurückkehren, weil ich von meinem Nachbarn in Herat erfuhr, dass die Taliban zu meinem Haus gekommen waren und nach mir suchten. Ich war sehr verängstigt. Ich spürte, wie sich die Dunkelheit in meinem Körper ausbreitete. Doch ich bemühte mich, mich zu beruhigen, indem ich alle Gebete wiederholte, die ich kannte, aber sie waren wirkungslos. Ich rief meinem Nachbarn an und bat ihn, den Taliban zu sagen, dass ich mein Haus bereits verlassen habe und sie (meine Nachbar*innen) keinen Kontakt mehr zu mir hätten. Trotzdem eskalierten die Ereignisse, und die Taliban gingen noch mehrmals zu meinem Haus, um mich zu suchen.

Nach meiner Zeit in Kabul und nachdem ich das Land nicht mit den Evakuierungsflügen verlassen konnte, kehrte ich in die Provinz Herat zurück. Seitdem habe ich ständig meinen Wohnort gewechselt, weil ich Angst habe, dass die Taliban mich finden könnten. Jeden Tag wächst meine Sorge, denn die Taliban verhaften und foltern die weiblichen Menschenrechtsaktivist*innen, die im Land zurückgeblieben sind.

Zurück in Herat: Es ist schwer, Hoffnung zu haben

Nach der Machtübernahme durch die Taliban mussten wir die Arbeit unserer Organisation, die sich in erster Linie auf den Schutz von Frauen konzentrierte, einstellen. Die Taliban haben uns bis heute keine Genehmigung erteilt, unsere Tätigkeit wieder aufzunehmen, was aufgrund der Sensibilität unserer Aktivitäten keine Überraschung ist. Wir können uns immer noch nicht in der Öffentlichkeit zeigen und müssen unsere Aufgaben im Geheimen erfüllen.

Aus persönlicher Sicht ist es schwierig, mit so viel Stress umzugehen und umgeben von so viel Horror zu leben. Ich habe die schwierigsten Tage meines Lebens hinter mir. Ich arbeite jetzt von zu Hause aus, und die Aussicht, produktiv zu sein, stimmt mich optimistisch, aber das Leben hier wird immer schwieriger, was meinen Stress noch verstärkt. Obwohl niemand hier in Frieden lebt, ist das Leben für gebildete und berufstätige Frauen besonders kompliziert. Als eine dieser gebildeten Frauen, die immer versucht hat, den Frauen und der Bevölkerung Afghanistans zu helfen, ist es schwer, die Hoffnung nicht zu verlieren. Innerhalb eines Augenblicks verwandelte sich die Welt, die ich kannte, in eine Welt des Terrors und der Verzweiflung. Ich fürchte mich vor der Gegenwart, bin besorgt über die Zukunft und habe Angst, ob ich die kommenden Ereignisse überhaupt überleben werde.

Da der Druck auf Bürgerrechtsaktivist*innen und gebildete Frauen zunimmt und sich der Kampf ums tägliche Überleben verschärft, ist es schwer, hoffnungsvoll zu bleiben. Ich leide in diesen Tagen sehr. Jeden Tag verschärfen die Restriktionen der Taliban die Hoffnungslosigkeit für mich und Hunderte anderer Frauen. Wenn ich von der Verhaftung und Folterung von Menschenrechtsaktivistinnen, Frauenrechtlerinnen, Journalistinnen und Frauen wie aus dem Frauenhaus in Balkh2 lese, steigt mein Stresslevel, und ich sehe mich in der gleichen Situation, wenn die Taliban herausfinden, wo ich derzeit lebe.

Die Stadt und ihre Bewohner*innen haben sich stark verändert. Angst und ein Gefühl der Sinnlosigkeit überschwemmen die Stadt, als ob die Stadt und die Menschen bereits tot wären. Ich habe mein Leben der Hilfe für Frauen in Not gewidmet. Jetzt habe ich nichts mehr, nichts außer meiner Angst, nichts als in einem Zimmer zu sitzen und verstohlen aus dem Fenster zu schauen. Das ist schlimmer als ein Vogel im Käfig zu sein. Schlimmer, weil der Vogel keine Angst hat, jeden Moment getötet zu werden. Ich hingegen habe Angst, in Gefangenschaft zu geraten und umgebracht zu werden.

Ich habe noch nicht aufgegeben

Es ist schwierig, sich in meine Lage zu versetzen. Außer für eine Frau, die unter dem Taliban-Regime gelebt hat. Jede Nacht träume ich davon, von den Taliban verhaftet und gefoltert zu werden. Als ich in Kabul war, wusste ich, dass ich jedes Mal mein Leben riskierte, aber ich ging trotzdem zum Flughafen. Jetzt lebe ich in Herat und hatte noch immer keine Gelegenheit zu fliehen. 

Es ist nicht leicht, das öffentliche Erhängen von Menschen in der eigenen Stadt mitanzusehen und zu ertragen, an einem Ort, in dem ich aufgewachsen bin und 20 Jahre Demokratie erlebt habe. Ich habe den Tod meiner Mitmenschen mit eigenen Augen gesehen. Auf dem Flughafen von Kabul habe ich gesehen, wie Kinder von der Menge, die zu fliehen versuchte, zertrampelt wurden. Ich wurde Zeugin eines blutigen Ansturms am Barran-Tor des Flughafens. Der Anblick dieser Szenen belastet mich zutiefst, weil ich mir vorstellen kann, dass mir das Gleiche jeden Moment widerfahren kann. Früher habe ich in der Stadt Hoffnung und Möglichkeiten für Entwicklung und Vitalität gesehen, doch heute herrscht in den Augen meiner Landsleute nur noch Angst. Die Menschen versinken in Hoffnungslosigkeit, ohne sich gegenseitig helfen zu können. Es scheint, dass sie sich voreinander fürchten. Und ich sehe eine absolute Entwertung von allem: von Beziehungen, von Kommunikation, von Menschlichkeit.
 
Dennoch mache ich trotz all dieser Herausforderungen weiter. In der Hoffnung, bald aus diesem Land evakuiert zu werden, in dem ich aufgrund der ständigen Angst und Bedrohung nicht mehr leben kann. 


1 Name der Redaktion bekannt

2 Die Taliban-Kämpfer haben am 25. Januar 40 Frauen aus dem Frauenhaus in Balkh festgenommen. Die De-facto-Machthaber der Taliban behaupteten, diese Frauen hätten versucht, ohne legale Papiere aus Afghanistan auszureisen. Afghanistan International berichtete, dass einige dieser Frauen freigelassen wurden, während sich einige andere immer noch in Gewahrsam der Taliban befinden. Medienberichten zufolge warteten die Frauen darauf, aus Afghanistan in westliche Länder evakuiert zu werden, wurden aber vor ihrem Flug festgenommen.

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